Nordistik
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»"Landnahme". Erzählverfahren in skandinavischen Gründungsmythen um 1900.«

Projektleitung: Annegret Heitmann

Der deutsche Terminus der Landnahme wurde dem altisländischen 'landnám' nachgebildet und bezeichnet die Inanspruchnahme und Kultivierung unerschlossener Gebiete. Landnahmeakte als Gründungsszenarien und räumliche Figurationen des Neuen sind eng mit der Figur der Ankunft verknüpft, die als Mündung von "Bewegung […] in einen Zustand" verstanden werden kann, als "Übergang von Chronologie in Topologie". Mit der Ankunft auf Neuland, die sich dann in Landnahmeritualen manifestiert, erfolgt die topologische Ausweisung von Erstmaligkeit. Unter Rekurs auf den zeitgenössisch bei Georg Simmel entfalteten Begriff des Abenteuers steht die Ausdehnung auf symbolisch aufgeladene Varianten der Erstbetretung, Neuerschließung und Erkundung von unbekannten Regionen und Kulturen im Umkreis der Arktis im Mittelpunkt, wie sie in der thematischen Triade von Polarexpeditionen, Abenteuertourismus und Ethnologie verfolgt werden können. Der Fokus auf das epigonale Grenzgängertum des Polartouristen, der die Spuren seiner heldenhaften Vorfahren nachfährt, fordert lineare und absolute Anfangskonzeptionen heraus; durch die Ausweitung der Gründungsgeste auf eine mediale Form der Kolonialisierung können nicht nur die verschiedenen Repräsentationsformen des Extremtourismus, sondern auch die metaphorische Erschließung von wissenschaftlichem Neuland im Feld der Ethnologie beleuchtet werden. Unsere These ist, daß die Ambivalenz des Begriffs der Landnahme zwischen kultureller Prägung und gewaltsamer Aneignung der narrativen Konstruktion dieser Texte eingeschrieben ist, wenn sie territorialen Neubeginn, Eroberungsphantasmen und kulturelle Erstheit aufrufen.

Prof. Dr. Annegret Heitmann (Projektleiterin)
Dr. Hanna Eglinger, von 01.04.2006 bis 31.09.2009
Michaela Hanke, M.A. (Mitarbeiterin)
Flora Fink, M.A. (Mitarbeiterin)
Elisabeth Kolb (Hilfskraft)

Institut für Nordische Philologie
Department für Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache
Ludwig-Maximilians-Universität München
Geschwister-Scholl-Platz 1
80539 München

Besuchsadresse: Amalienstraße 83

Tel.: 089/2180-2491
Fax: 089/2800 207

Im Rahmen des Projektes ist folgende Publikation erschienen:

landnahme Hanna Eglinger, Annegret Heitmann:
Landnahme
Anfangserzählungen in der skandinavischen Literatur um 1900 

Sind Landnahmen Anfänge? Und dienen Rückbezüge auf frühere Landnahmen der Legitimation von Neugründungen? Kann man um 1900 noch ›Land nehmen‹? Mit diesen Fragen werden verschiedene um 1900 publizierte literarische Texte Skandinaviens beleuchtet, die Besiedlungs- und Kolonisierungserzählungen zum Inhalt haben. Die Autorinnen untersuchen an ganz unterschiedlichen Texten – Siedlerromanen, Polarliteratur, Knut Hamsuns Segen der Erde und Karen Blixens Afrika-Buch –, wie sich Landnahmeakte als räumliche Figurationen des Neuen im Zeichen einer modernen Ursprungsfaszination niederschlagen.