Nordistik
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»Aphorismen und aphoristische Poetik in der skandinavischen Literatur.«

 »Aphorismen und aphoristische Poetik in der skandinavischen Literatur«

Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt am Institut für Nordische Philologie
Arbeitsbeginn: 1.8.2006

Projektleitung: Annegret Heitmann

1. Forschungsvorhaben

Ausgangspunkt der Untersuchung ist eine Tendenz aktueller skandinavischer Literatur zu einer Poetik der Verkürzung, die mit Begriffen wie asketisch, minimalistisch, anorektisch, aber auch aphoristisch belegt wird. Es zeigt sich allerdings schnell, dass die solche Benennungen begründende Forschungslage zur Gattung und zum Begriff des Aphorismus in Skandinavien desolat ist: Selbst die grundlegende Erfassung, Sammlung, Beschreibung und Analyse von Aphorismen stellt ein Desiderat dar, ein Gattungsbewusstsein ist nicht ausgeprägt. Es gibt keinerlei Arbeiten zur Rhetorik, Stilistik, Funktion oder Wirkungsgeschichte des Aphorismus, in Nachschlagewerken und Werkregistern fehlt der Begriff weitgehend.

Um Aussagen zu aphoristischem Schreiben machen zu können, ist es also in einem ersten Schritt nötig, die Quellenlage zu ermitteln, um die vorhandene aphoristische Tradition in den Literaturen Dänemarks, Norwegens und Schwedens und Finnlandschwedens erstmalig darzulegen, wobei mit einer beeindruckenden Textbasis gerechnet werden kann: von den Pensées der Königin Christina über die Diapsalmata Søren Kierkegaards bis hin zu den kürzlich erschienenen Meteorer von Horace Engdahl, um nur einige Beispiele zu nennen. Ausgehend von Erkenntnissen der deutschen und internationalen Aphorismusforschung sollen in einem zweiten Schritt die rhetorischen und strukturellen Mittel, das rezeptionssteuernde Potential, die diskursive und mediale Situierung, die poetologische sowie die erkenntnistheoretische Dimension der aphoristischen Texte herausgearbeitet werden. Dabei kann es – auch das eine Konsequenz aus der vorliegenden Forschung und der Gattungstheorie allgemein – nicht um einen erneuten Versuch der Gattungsabgrenzung, eine bloße definitorische Eingrenzung gehen, sondern eine Analyse der Medialität und der Funktionalität der Texte soll im Mittelpunkt stehen. Die Ergebnisse sollen in einer thematisch gegliederten Darstellung dargelegt werden, die sich aus Aspekten der Textform ergibt, die derzeit erhöhte Aktualität haben: ihre Selbstreferentialität und Reflexion der Medialität, Grenzüberschreitung zwischen diskursiven Feldern, die Abstandnahme von den »grandes récits« und eine Teilhabe an der »ethischen Wendung«. Diese Aufarbeitung führt dann zurück zu einer genaueren Bestimmung der aphoristischen Poetik und des aphoristischen Erzählens.

Die Arbeitsergebnisse sollen in drei unabhängig voneinander publizierten Bänden veröffentlicht werden. Zum einen wird ein kommentierter, historisch angelegter Textband die wichtigsten Beispiele der aphoristischen Tradition in Skandinavien zugänglich machen, und zwar in einer zweisprachigen Ausgabe. In diesen Band sollen Aphorismen von P.D.A. Atterbom, Søren Kierkegaard, Poul Martin Møller, Ola Hansson, Herman Bang, Hjalmar Söderberg, Arne Garborg, Edith Södergran, Vilhelm Ekelund, Gunnar Björling, Elmer Diktonius, Olaf Bull, Poul Henningsen, Karin Boye, Bjørn Poulsen, Soya, Jacob Paludan, Kristoffer Uppdal, Artur Lundkvist, Horace Engdahl, Lars Gustafsson, Marianne Larsen und Niels Frank aufgenommen werden. Zum anderen sollen die wissenschaftlichen Ergebnisse als ein deutschsprachiger Forschungsbeitrag in einer systematisch orientierten Buchpublikation zusammengefasst werden, zu dem die Antragstellerin und die beiden Projektmitarbeiter beitragen. Der Band wird thematisch gegliedert sein und in Form von unabhängig voneinander lesbaren Kapiteln die wichtigsten Aspekte des Feldes des skandinavischen Aphorismus abstecken, so dass ein Grundlagen- wie auch ein Nachschlagewerk entsteht. Zum dritten sollen die Ergebnisse des Symposiums »Skandinavische Aphorismen«, das vom 30.3. bis 1.4.2007 in München stattfindet, in einem Sammelband dokumentiert werden.



2. Projektmitarbeiterinnen:

Prof. Dr. Annegret Heitmann
Institut für Nordische Philologie
Department für Germanistik, Komparatistik,
Nordistik
Ludwig-Maximilians-Universität
Geschwister-Scholl-Platz 1
D-80539 München
e-mail: annegret.heitmann@lrz.uni-muenchen.de
Tel.: 0049-(0)89-2180-2491


Dr. Katarina Yngborn
Institut für Nordische Philologie
e-mail: katarina.yngborn@lrz.uni-muenchen.de
Tel.: 0049-(0)89-2180-3921

Dr. Annette Doll
Institut für Nordische Philologie
e-mail: annettedoll@yahoo.com
Tel.: 0049-(0)89-2180-3921

Hilfskräfte

 
M.A. Flora Fink (von 01.08.2006 bis 31.01.2010)
e-mail: flora.fink@lrz.uni-muenchen.de

Natascha Lung (ab 01.02.2010)
e-mail: n.lung@campus.lmu.de



3. Veranstaltungen:

APHORISMEN UND APHORISTISCHE POETIK IN DER SKANDINAVISCHEN LITERATUR


Tagung des gleichnamigen DFG-Projekts am Institut für Nordische Philologie der LMU München

30. März - 1. April 2007

Die Mitarbeiterinnen des DFG-Projekts »Aphorismen und aphoristische Poetik in der skandinavischen Literatur« laden herzlich zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung über skandinavische Aphoristik ein. Ziel ist es, dem Aphorismus - einer in der skandinavischen Literaturwissenschaft bislang vernachlässigten Gattung - mehr Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Dass in der skandinavischen Literatur zu verschiedenen Zeiten durchaus zahlreiche und interessante Aphorismen verfasst wurden, beweisen nicht zuletzt etablierte Autoren, wie Herman Bang, Hjalmar Söderberg, Edith Södergran, Elmer Diktonius oder Vilhelm Ekelund, die sich dieser Gattung widmeten. Überdies lässt sich auf diesem Feld noch immer Neues entdecken. Im Fokus des Symposiums stehen zentrale skandinavische Aphoristiker (Edith Södergran, Vilhelm Ekelund, Elmer Diktonius), aphoristische Verfahren, u.a. in scheinbar aphorismusfernen Texten, sowie Randgebiete dieses Genres (Aphorismus und Kunst, Aphorismus und Revue oder Aphorismus und Fiktion). Neben den Vorträgen ist für Freitagabend eine Veranstaltung im Lyrik-Kabinett geplant, bei der Horace Engdahl aus seinem Werk Meteorer lesen wird.


PROGRAMM

Freitag, 30.3.2007
14.00 Annegret Heitmann (München): Einführung
14.30 Anders Olsson (Stockholm): Den poetiska aforismen i svenskspråkig 1900-talslitteratur. Tre exempel: Vilhelm Ekelund, Elmer Diktonius, Gunnar Björling
15.30 Kaffeepause
16.00 Lutz Rühling (Kiel): Edith Södergrans ‚Brokiga iakttagelser’
20.00 Horace Engdahl liest aus Meteorer (Veranstaltungsort: Lyrik-Kabinett)


Samstag, 31.03.2007
9.30 Katarina Yngborn (München): Aphorismen im (fiktionalen) Kontext
10.30 Thomas Seiler (Poznan/Zürich): Kristofer Uppdals Aphorismen
11.30 Kaffeepause
12.00 Flora Fink (München): Olaf Bull - Aphoristiker wider Willen
13.00 Mittagspause
14.30 Torben Jelsbak (Kopenhagen): Aforismer og aforistisk poetik i dansk avantgarde. Harald Giersing og Poul Henningsen som eksempler
15.30 Kaffeepause
16.00 Frithjof Strauß (Greifswald): Aforisme og revy. Poul Henningsen sagt es kurz
19.00 Gemeinsames Abendessen


Sonntag, 01.04. 2007
9.30 Annette Doll (München): ‚Betydelsen av att se detaljer’ oder Lars Gustafsson als Aphoristiker?
10.30 Kaffeepause
11.00 Hanna Eglinger (München): Thinking is Digestion - Aphoristische Bildkunst bei Carl Fredrik Reuterswärd
12.00 Abschlussdiskussion


Anmeldung:
Die Veranstaltung wird durchgeführt vom Institut für Nordische Philologie der LMU München. Anmeldungen sind möglich unter der Postadresse:
Geschwister-Scholl-Platz 1
D-80539 München

telefonisch unter:
089-2180-2365 oder
089-2180-3921

per e-mail unter:
annettedoll@yahoo.com oder
katarina.yngborn@lrz.uni-muenchen.de

Veranstaltungsort und Anreise:
Der Tagungsort ist das IBZ (Internationales Begegnungszentrum) in der Amalienstraße 38.
Die LMU liegt an der U-Bahnlinie U3/U6, Haltestelle Universität. Wer vom Hauptbahnhof kommt, nimmt die S-Bahn zum Marienplatz und steigt dort in die U3/U6 um.


4. Textbeispiele

»Aforismen er en Slutningssum – på Foden af Tavlen – efter et udvisket Regnskab« (H. Bang; ›Der Aphorismus ist eine Summe – am Ende der Tafel – nach einer gelöschten Rechnung‹).

»Jeg er tilmode som en Brik i Skakspillet maa være det, naar Modspilleren siger om den: den Brik maa ikke røres.« (S. Kierkegaard; ›Ich fühle mich so wie es einer Figur in einem Schachspiel gehen muss, wenn der Gegenspieler sagt: dieser Stein darf nicht berührt werden.‹)

»Det finns mycket i världen som är bättre än pengar. Men det kostar en slant att få det.« (Magnus Florin; ›Es gibt viel auf der Welt, das besser ist als Geld. Aber es kostet etwas, das zu bekommen.‹)

»Kvinnans största förtjänst är, att hon hittills icke mycket försyndat sig intellektuellt.« (Edith Södergran; ›Das größte Verdienst der Frau ist, dass sie sich bislang intellektuell noch nicht sehr versündigt hat‹).

»Kulturfællesskabet beror paa det Underforstaaedes Magt. De Kræfter, som binder os sammen, er just, hvad der ikke bliver sagt.« (Piet Hein; ›Die kulturelle Gemeinschaft beruht auf der Macht des stillschweigend Vorausgesetzten. Die Kräfte, die uns verbinden, liegen gerade in dem, was nicht gesagt wird.‹).

»Blot Folk faar en filosoferende Atomfysiker at knæle for i Stedet for en Biskop, er de ligesom lidt lykkeligere.« (Jacob Paludan; ›Wenn die Menschen nur vor einem philosophierenden Atomphysiker niederknien können anstatt vor einem Bischof, sind sie gleichsam etwas glücklicher.‹)