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Säkularisierung erzählen. Studien zu Anfang und Ende des Säkularisierungsnarrativs in der skandinavischen Literatur 1900/2000

DFG Projekt SCHI 1186/3-1 (Laufzeit bis 30.06.2023)

Projektleitung: Prof. Dr. Joachim Schiedermair

Projektmitarbeiterinnen: Angelika Gröger, M.A., und Franziska Schlichtkrull, M.A.

Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts galt in der Soziologie der Prozess der Säkularisierung als untrennbar und unausweichlich mit der gesellschaftlichen Modernisierung verbunden – ja sogar als deren unverzichtbare Voraussetzung. So begünstigte dieser umfassende strukturelle und kognitive Wandel der Gesellschaft nicht nur die Vorstellung eines von metaphysischen Vorgaben befreiten Individuums, sondern wurde auch zu einem zentralen Aspekt des europäischen Selbstverständnisses erhoben: Für knapp 100 Jahre galt das Säkularisierungstheorem als nicht hinterfragter Deutungsrahmen europäischer Modernität. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird seine Plausibilität in der Soziologie, der Philosophie und der Historiographie zunehmend in Frage gestellt – eine Entwicklung, die in der Literaturwissenschaft bisher nur wenig diskutiert wurde. Um diese Lücke wahrzunehmen, will das hier vorgestellte Projekt ‚Säkularisierung‘ erstmalig umfassend als ein Narrativ behandeln: Die anhaltende Rede vom Säkularisierungsprozess stellt sich aus der Perspektive einer anthropologisch argumentierenden Narratologie als stetige Wiederholung desselben abstrakten Erzählmusters in variierenden konkreten Einzelerzählungen dar, die das Muster auf evolutionäre Weise entwerfen, erproben, umschreiben, verfestigen, bis es schließlich in der Soziologie um 1920 kanonisiert wird. Aus diesem Ansatz ergibt sich die zentrale These des Projekts, dass die Literatur Säkularisierung nicht nur als einen historischen Prozess reflektiert, sondern aktiv an der Gestaltung und Durchsetzung dieses Prozesses um 1900 beteiligt war, indem sie überhaupt erst das Narrativ entwirft und ihm Plausibilität erschreibt. Genauso ist sie heute am Umbau des Narrativs beteiligt. Um diesen Prozess der Konstruktion und Dekonstruktion an skandinavischer Literatur zu verdeutlichen, legt das Projekt einen Schwerpunkt auf die beiden Endpunkte der Phase, in der das Narrativ seine größte Überzeugungskraft besaß, also auf die Dekaden um 1900 und 2000, da gerade an der porösen Peripherie seine narrative Beschaffenheit besonders deutlich hervortritt.

Teilprojekt A – Säkularisierung erzählen um 1900

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war in Europa durch umwälzende Modernisierungsschübe gekennzeichnet, die in Skandinavien erst verhältnismäßig spät einsetzten, dafür aber umso konzentrierter verliefen. Die Literatur des Modernen Durchbruchs und Georg Brandes‘ Forderungen nach einer modernen Literatur wurden lange Zeit als ein Effekt dieser Umwälzungen betrachtet. Das Projekt jedoch setzt sich von dieser Annahme bewusst ab, indem es die zeitgenössischen Autor*innen als impulsgebende Instanzen betrachtet, und untersucht, auf welche Weise und mit welchen Mitteln sie an der Erschaffung und Ausformung der Deutungskategorie Säkularisierung beteiligt waren – eine Fragestellung, die in der skandinavistischen Forschung bisher wenig Beachtung fand, obwohl eine Vielzahl zeitgenössischer Literatur das Verhältnis von Religion, Säkularität und Gesellschaft in den Fokus stellte, wie beispielsweise die Freidenkerfiguren in Jens Peter Jacobsens Niels Lyhne (1880), Henrik Ibsens Rosmersholm (1886) oder Selma Lagerlöfs Gösta Berlings Saga (1891) eindringlich belegen.

Teilprojekt B – Säkularisierung erzählen um 2000

In der aktuellen Literatur haben sich v.a. zwei Bereiche herauskristallisiert, die die Gültigkeit des Säkularisierungsnarrativs herausfordern. Zum einen setzen sich zahlreiche aktuelle literarische Texte mit den in Skandinavien einflussreichen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts, ihren Wurzeln im Pietismus des 18. Jahrhunderts oder ihren Erben im 20. Jahrhundert auseinander. Zu nennen wären etwa Edvard Hoems Heimlandet. Barndom (1985), Kim Leines Profeterne i Evighetsfjorden (2012) oder Mikael Niemis Koka björn (2017). Zum anderen haben Migrationsbewegungen und religiöser Terrorismus den Islam ins Zentrum politischer Debatten gerückt, auf die auch die Literatur reagiert. Im skandinavischen Vergleich erweist sich das unterschiedliche Vorgehen etwa von Dänemark und Schweden in der Flüchtlingspolitik und die unterschiedliche Bewertung des Zusammenhangs zwischen Gewalt und Religion als besonders interessant und wirft die Frage auf, wie sich diese Haltungen in der literarischen Behandlung des säkularistischen Selbstverständnisses der skandinavischen Länder niederschlägt. Waren um 1900 noch die lutherische Staatskirche und die Erweckungsbewegungen das identitätsstiftende Feindbild des Säkularismus, soll in diesem Teilprojekt unter anderem untersucht werden, ob diese Funktion in der Gegenwart der Islam übernommen hat oder ob der Umgang mit religiösen Sujets differenzierter erfolgt. International bekannt wurden in diesem Diskursfeld etwa der kurdisch-norwegische Filmemacher Hisham Zaman, der dänische Dichter Yahya Hassan und der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri.

Teilprojekt C – Weihnachten erzählen

Während Teilprojekt A und B jeweils den Anfang und das Ende des Säkularisierungsnarrativs beleuchten, nimmt Teilprojekt C einen historischen Querschnitt von 1800 bis in die Gegenwart vor, um den Wandel des Narrativs besonders deutlich herauszuarbeiten. Das Weihnachtsfest ist für eine solche Analyse bestens geeignet, denn es kann als ein herausragender Ort der kulturellen Selbstdeutung angesehen werden, der einerseits von stark ritualisierten Traditionen bestimmt wird, andererseits jedoch auch einem beeindruckenden historischen Wandel unterworfen war, nicht zuletzt was die christliche Semantik betrifft. Die zentrale Frage lautet daher, wie Festigung, Auflösung und Umbau des Säkularisierungsnarrativs speziell in den weihnachtlichen Erzählungen Skandinaviens über die letzten zwei Jahrhunderte hinweg verhandelt wird. Dafür bieten sich zahlreiche Textbeispiele an, wie Henrik Ibsens Et dukkehjem (1879), Selma Lagerlöfs Kristuslegender (1904) oder Dag Solstads Professor Andersens natt (1996).