Nordistik
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Promotionsprojekt von Sebastian Schindlbeck

Arbeitstitel: „Die Wiedergänger der Isländersagas. Eine kognitiv-narratologische Untersuchung der Wirkungspotenziale klassifikatorisch-ambiger Figuren“

Abstract:

Die jüngere altnordistische Wiedergängerforschung hat sich vorwiegend mit der Entwicklungsgeschichte der nordischen Wiedergängervorstellungen und dem Entstehungskontext der Wiedergängererzählungen in den Isländersagas beschäftigt. Das vorliegende Forschungsprojekt verlagert die Fragestellung auf die Wirkungen, die die Figur des Wiedergängers auf die mittelalterlichen isländischen Rezipienten ausüben konnte. Dabei bildet die kognitive Narratologie die Grundlage dieser Untersuchung. Sie beschreibt die Rezeption als einen Prozess der Informationsverarbeitung, im Zuge dessen die Rezipienten auf verschiedene Rezeptionsfaktoren zurückgreifen, um ein mentales Modell der Erzählung zu bilden. Vom Zusammenspiel dieser Rezeptionsfaktoren hängen die Wirkungen ab, die ein Text in einem bestimmten kulturhistorischen Kontext erzielt. Dabei kann man sich den Wirkungspotenzialen historischer Texte umso mehr annähern, je vollständiger und zuverlässiger man die Rezeptionsfaktoren ihres Rezeptionskontexts ermitteln kann. Die Vorteile dieses Ansatzes bestehen darin, dass er einerseits die Umstände erzählerischer Kommunikation besser abbildet und andererseits die Voraussetzungen und die Tragfähigkeit der postulierten Interpretationen transparent gestaltet.
Ausgehend von der kognitiven Narratologie wird zunächst dargelegt, dass die mittelalterlichen isländischen Rezipienten den Wiedergängern einen klassifikatorisch-ambigen Sonderstatus zwischen Leben und Tod zuschreiben konnten. Anschließend rücken die Ereignisse in den Blick, die die Rezipienten dazu veranlassen, einer Figur neue Eigenschaften zuzuschreiben. Es wird angenommen, dass diese Zuschreibung neuer Figureneigenschaften im mentalen Modell der Erzählung verschiedene Wirkungen erzielt, indem sie den weiteren Handlungsverlauf kausal begründet und die Figuren mit zusätzlicher Bedeutung auflädt. Ein weiteres Wirkungspotenzial von Ereignissen besteht darin, das Weltbild des Rezipienten zu hinterfragen und ihm neue Sichtweisen zu eröffnen. Diese Überlegungen werden schließlich auf die Wiedergänger der Isländersagas übertragen, um zu untersuchen, welche Wirkungspotenziale diese Texte in einem mittelalterlichen isländischen Rezeptionskontext entfalten konnten. Dabei gilt dem charakteristischen klassifikatorisch-ambigen Sonderstatus der Wiedergänger und den Wirkungen, die er erzielen konnte, besondere Aufmerksamkeit.

Betreuung: Prof. Dr. Verena Höfig