Habilitationsprojekt Patrick Ledderose
Die Vielen im skandinavischen Realismus um 1890
1890 wird in der skandinavischen Literaturgeschichte häufig als Wendejahr inszeniert. Das sozialkritische Paradigma des Realismus würde, so das gängige Narrativ, abgelöst durch eine Literatur, die sich nun vornehmlich auf das Individuum und dessen Seelenleben konzentriert. In meiner Studie möchte ich dafür argumentieren, dass erstens sozialkritische Aspekte keineswegs verschwinden und zweitens die ästhetischen Innovationen auch mit einer neuen Relevanz der Vielen in der skandinavischen Literatur zu tun haben. Ökonomische, soziale und politische Transformationsprozesse rücken die Frage nach der Rolle der Vielen im Staat auch in kunsttheoretische Debatten - und machen sie innerhalb der realistischen Literatur zum viel bearbeiteten Erzählproblem. Die von mir herangezogenen literarischen Texte von Alexander Kielland, Amalie Skram und August Strindberg unterlaufen durch ihren verstärkten Fokus auf die Vielen die Dominanz der selbstgewählten realistischen Verfahren und werden so zum Labor für all jene -ismen, die um 1900 dann die Literatur bestimmen (Symbolismus, Expressionismus, etc.). In ihrer ästhetischen Widersprüchlichkeit lassen sie sich damit auch als Metatexte verstehen, die nicht nur die Auflösung bestehender Hierarchien, Machtstrukturen und Normen vorführen, sondern dabei zugleich die eigene Epoche als Zeit der Auflösung und des Übergangs reflektieren und inszenieren.